Donnerstag, 20. September 2012

La Carretera Austral General Augusto Pinochet - Teil 2


Mit Ian sollte es die nächsten Tage über die Carretera gehen. Doch nach 35 gemeinsamen Kilometern trennten sich unsere Wege schon wieder. Mein Hinterrad machte mal wieder komische Geräusche und ich bin per Anhalter zurück nach Coyhaique und direkt in einen Radladen zum zentrieren. Der Tag war gelaufen. Also bin ich einen Tag später alleine losgefahren. Die ersten 100km liefen super. Auf gutem Asphalt strampelte ich mich 30km hoch zum Ibanez-Pass, mit 1.120 Metern der höchste Punkt der Carretera. Hier oben war es winterlich kalt, Seen waren noch gefroren und der Schnee lag Meterhoch neben der Strasse. Ein Wintermärchen. Nach dem Pass ging es dann in langen Serpentinen runter nach Cerro Castillo, einem kleinen, verschlafenen Nest an der Carretera. Dort habe ich erst mal in einem alten Bus, der zu einem Restaurant umgebaut wurde, zwei heiße Tassen Tee und Kuchen genossen.
 
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Panorama Carretera Austral 5
  
Nach Cerro Castillo war dann Schluss mit Lustig – im wahrsten Sinne des Wortes. Der Asphalt hörte auf und es schloss sich eine obereüble Schotterpiste mit teilweise mörderischen Steigungen an. Nachdem ich mich noch eine gute Stunde fluchend über die Piste gequält hatte, war links ein guter Zeltplatz neben einem Bach. In der Nacht öffnete Petrus dann die Himmelsschleusen und es regnete ohne Unterlass. Und dieser Regen sollte mich nun ZWEI Tage ununterbrochen begleiten. Meine Laune war mal wieder dahin. Am Morgen in Regenklamotten aus dem Zelt und weiter auf der Schotterpiste. Zu meiner hellen Freude ging es sogar noch 20km bergauf. Der Regen steigerte sich den ganzen Tag über und gegen 16:00 Uhr war Weltuntergang angesagt. Es schüttete wie aus Kübeln. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt 70km geschafft, war bis auf die Knochen nass und fror. Bis zum nächsten Ort waren es noch 50km und kein Auto in Sicht. Aber dafür fand ich an der Strasse ein leeres Haus. Schnell das Rad reingeschoben, die nassen Sachen zum trocknen aufgehängt, Zelt im Haus aufgestellt und mal abwarten, was noch so kommt. Der Regen prasselte unaufhörlich auf das Wellblechdach und der Wind rüttelte an den mit Planen verhangenen Fenstern. Da das kein schlechter Platz für eine Nacht war, beschloss ich dort zu bleiben. Ich hatte nur kein Wasser mehr und ein Bach war weit und breit nicht in Sicht. Also habe ich kurzerhand meine Tasse, Topf und Mueslischuessel in den Regen gestellt und eine halbe Stunde später waren alle Flaschen wieder voll. Nach dem Abendessen ging es in den warmen Schlafsack. Ich lauschte noch etwas dem Regen und war bald eingeschlafen. 
  
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In der Nacht und auch am nächsten Morgen keine Wetterbesserung in Sicht. Aber wenigsten waren meine Sachen trocken. Also bin ich wieder raus in den Regen und habe mich auf den Weg nach Rio Tranquilo gemacht. Dort kann man die “Capilla de Marmol” besuchen – ein Highlight an der Carretera. Für die Bootstour wollten die doch glatt 51 EUR haben. Da ich mal wieder total nass und durchgefroren war, beschloss ich, weniger Geld lieber in ein Hostal und eine warme Dusche zu investieren. Anschließend noch kurz einkaufen und ab in’s warme Bett.
 
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Am nächsten Morgen schien dann wieder die Sonne. Es war zwar eisig kalt, aber das konnte ich verschmerzen. An diesem Tag verlief die Strasse parallel zum “Rio Baker”. Ich habe noch nie einen so grünen Fluss gesehen. Aber die Strasse verläuft nicht entlang seinem Ufer, vielmehr geht sie durch die Berge mit den härtesten Steigungen, die ich bisher gefahren bin. Im Stehen und mit allem Kraftaufwand habe ich versucht, mein Rad durch den Schotter hochzufahren. Meistens drehte der Hinterreifen einmal durch und ich stand auf der Strasse. Und ein 50kg schweres Rad diese Hügel raufschieben, war auch kein Vergnügen. Wie schon in den Tagen zuvor, war es jeden Tag Schwerstarbeit seine Tageskilometer zu sammeln.
Nach 4 Tagen dann mal wieder ein Hauch von Zivilisation. Ich war in Cochrane – einem Ort mit 3.000 Einwohnern und guter Infrastruktur. Obwohl die Landschaft wunderschoen war, hatte ich keine Lust mehr, weiter zu fahren. Vorallem, weil nun noch eine Einsamkeitsetappe von drei Tagen anstand. Also habe ich nach einer Busverbindung zum Ende der Carretera gefragt. Ein Bus fuhr, allerdings erst in drei Tage. Es war nämlich Nationalfeiertag in Chile. Drei Tage haben die Chilenen die Unabhängigkeit von Spanien im Jahre 1810 gefeiert – und da ging halt mal drei Tage nichts. Und so toll war der Ort nun auch nicht, als das ich hier drei Tage haette verweilen wollen. Also zurück in den Supermarkt Lebensmittel für drei Tage kaufen und weiter.
  
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Es stimmt schon, dass die Landschaft auf dem zweiten Teil der Carretera wilder, atemberaubender und natürlicher ist . Dafür ist es aber auch kälter, einsamer und verlassener. Ich hatte in den Tagen immer tolle Campingplätze an Flüssen. Da mein Campingkocher in der Zwischenzeit total seinen Dienst verweigert und es keine Möglichkeit zum Aufwärmen gab, habe ich mich fast jeden Abend vor ein wärmendes Lagerfeuer gesetzt. Auch wenn ich nie der große Outdoor-Koch war – eine Tasse Tee und meine warmen Nudeln fehlen mir dennoch seit ein paar Tage sehr. Immer nur Brot, Käse, Würstchen und Tomaten ist dann doch etwas eintönig – und vorallem kalt.
In den drei Tagen haben mich nur drei Autos in Richtung O’Higgins überholt. Und alle drei waren nicht dafür geeignet, einen Radfahrer mitzunehmen. Etwas Auftrieb haben mir jedoch zwei Engländer gegeben, die 5.000 Meilen durch Südamerika laufen und die ich auf der einsamen Strecke mit ihrem Trailer getroffen habe (da soll noch einer sagen, ich sei verrückt !). Ferner hat mich ein chilenisches Pärchen auf Kurzurlaub mit Mandarinen und Keksen versorgt. Und die Aussicht, in O’Higgins wieder eine warme Dusche zu bekommen, spornte auch an.
  
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72km bin ich am letzten Tag dann noch bis O’Higgins gefahren und es regnete mal wieder den ganzen Tag. Villa O’Higgins ist ein kleiner Ort mit 600 Einwohnern am Ende der 1.200km langen Carretera Austral. Von hier aus geht für viele dann der Weg weiter in Richtung Argentinien. Nach einem Ruhetag heute werde auch ich mich morgen wieder auf den Weg machen in das letzte Land meiner Reise.
 
Fazit zur Carretera Austral: Wenn man mal überlegt, dass es von Flensburg nach München ca. 1.000km quer durch die Republik sind (und das auf Asphalt) – dann sind 1.200 km durch Patagonien auf der Carretera Austral schon eine Ansage. Landschaftlich ist die Strecke einmalig schön mit den vielen Seen, Bergen und der Naturbelassenheit. Für Radfahrer ist sie eine Herausforderung, da gerade auf dem zweiten Teil die unaufhörlichen steilen Auf und Ab’s auf Schotter an den Kräften zehren. Wenn man dann noch sein Rad mit einigen Kilos Lebensmittel beladen muss, wird es wirklich hart. Der Vorteil: Wasser gibt es überall – und es muss nicht mal gefiltert werden.  Auch an Tieren gibt es einiges zu sehen. Neben Nutztieren wie Schafen, Rindern oder Pferden habe ich Otter, Füchse, Eulen, Condore, Rehwild und Vecunas gesehen. Und mitten im wilden Patagonien am Abend an einem knisternden Lagerfeuer zu sitzen, während nebenan ein wilder Fluss rauscht, ist schon toll. Jedoch sollte man – wenn es denn zeitlich passt – diese Herausforderung eher im Sommer angehen, denn der Winter erschwert die (Tor-) Tour doch noch um einiges. Und wer wasserscheu ist, bleibt am besten gleich zu Hause.
  
IMG_3824Ich habe in Coyhaique Peter Hartmann kennen gelernt. Ein Sohn deutscher Auswanderer. Er ist einer der führenden Köpfe in der Bürgerbewegung “Patagonia sin Represas”  - “Patagonien ohne Daemme”. Es gibt nämlich Pläne, in Patagonien Dämme zu bauen und die Landschaft mit Stromleitungen zu verschandeln. An den Autos und den Häusern findet man überall Banner, die sich gegen dieses Vorhaben richten. Der Kampf dauert nun schon fast sechs Jahre an – und eine Entscheidung, ob die Dämme kommen oder nicht, ist bis heute noch nicht gefallen. Ich für meinen Teil hoffe, dass Patagonien so rauh und natürlich bleibt, wie es ist. Und dass "sin Represas”.
   
Panorama Carretera Austral 7
      

1.000 km zum 23.

 
Die 23.000 Kilometer sind geschafft.
Im Regen auf der Carretera Austral, 7 km vor Villa O' Higgins.
19.09.2012 - 16:57 Uhr
  

Mittwoch, 12. September 2012

La Carretera Austral General Augusto Pinochet - Teil 1

Von Puerto Montt nach Coyhaique – 600 km in 7 Tagen
  
1976 hat der damalige Diktaturmachthaber Chiles – Augusto Pinochet – aus militaerstrategischen Gründen seinen Militärs den Auftrag erteilt, eine “Strasse” zu bauen, damit die Gebiete im Süden des Landes auch erreichbar sind. Bis 1999 hat es gedauert und die “Strasse” erreichte Villa O’Higgins. Bau und Unterhaltung haben bisher mehr als eine Milliarde US$ verschlungen. Wobei man bei der Carretera Austal nicht von einer Strasse sprechen kann, sondern eher von einer Schneise, die durch den Regenwald getrieben wurde. 40km nach Puerto Montt hörte der Asphalt auf und Schotter in allen Formen war der Strassenbelag. Von sandigem Splitt bis zu faustgrossen Steinen, Waschbrett und badewannengrossen Schlaglöchern war alles dabei. Und da die Strasse durch ein sehr bergiges Gebiet verläuft, sind Flachstücke eher selten – vielmehr geht es auf und nieder, immer wieder….. Die gesamte Carretera ist 1.200 km lang. Davon sind in der zwischenzeit um die 200 km asphaltiert und 1.000 km Schotter. Viele Strassenbaustellen findet man entlang der Strasse, die jetzt zum Beginn des Frühlings repariert wird. Wobei reparieren heisst: Schotter auf die Strasse kippen, etwas gerade verteilen und fertig. Für Autos kein Problem – ein Radfahrer versinkt schon mal in dem neuen Schotterbett und fahren wird unmöglich.
  
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Die Carretera ist sehr dünn besiedelt und oft sieht man stundenlang kein Auto und kein Haus. Eine herrliche Ruhe. Dennoch gibt es in guten Tagesabständen immer mal wieder einen kleinen Ort mit Versorgungsmoeglichkeiten. Die Luft ist unglaublich klar und rein und man kann den Frühling ab und zu schon riechen. Über den kleinen Orten liegt jedoch immer eine dichte Rauchwolke und es stinkt. Kein Wunder, denn eine Heizung hat hier niemand - es wird mit nassem Holz geheizt und die Schornsteine qualmen den ganzen Tag,
Die Natur entlang der Carretera ist wunderschön. Möchte nicht wissen, wie das erst im Frühling oder Sommer ist. Wenn die Sonne mal vom Himmel lacht und keine tief hängenden Wolken die Sicht versperren, umgeben einen Vulkane, schneebedeckte Berge, viel Grün, Wasserfälle, glasklare Flüsse und Seen. Wasserversorgung ist hier überhaupt kein Problem – einfach anhalten und Flaschen auffüllen. Habe sogar an einer richtigen Mineralwasserquelle angehalten und das war das beste Wasser seit langem.
   
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Mit all dem Auf- und Ab und dem Schotter ist die Carretera anstrengend zu fahren. Und meine Laune ist genau so wie das Wetter: wechselhaft. Scheint die Sonne, laufen die Kilometer nur so, regnet es mal wieder in strömen wünscht man sich einfach nur noch einen trocknen, warmen Platz. Der heftigste Tag war am letzten Samstag. Ich bin morgens mit Regenklamotten aus dem Zelt raus und Abends total nass und durchgeschwitzt in das Zelt rein. Gegen Mittag gab es mal etwas Sonnenschein und ich habe an Ort und Stelle angehalten, um mein Zelt zu trocknen (was ich übrigens jeden Tag mache). Kaum war das Zelt trocken, regnete es wieder. Gegen 17:30 Uhr war ich im tiefsten Regenwald und ein Campingplatz war nicht zu finden. Vor mir lag ein 500 Meter hoher Pass, über den die Wolken nicht rueber kamen und somit vor dem Pass abregneten. Es nutzte alles nichts, ich musste noch hoch. 1,5 Stunden bin ich die steilen Schotterserpentinen hoch, es wurde immer kälter und oben lag Schnee. Oben auch kein Campingplatz – also auch noch runter. Meine Finger waren in den nassen Handschuhen fast erfroren, die Abfahrt auf nassem Schotter alles andere als ein Vergnügen. Im Tal angekommen gab es dann Asphalt und kurz darauf auch einen kleinen Platz neben der Strasse, wo ich mein Zelt aufstellen konnte. Ich konnte kaum noch die Finger bewegen und das Aufbauen des Zeltes hat länger als normal gedauert. Kaum stand das Ding, bin ich nur noch in den Schlafsack um mich aufzuwärmen. Die Satteltaschen blieben im Regen, da ich den Platz im Zelt brauchte, um meine nassen Sachen zu trocknen – jedoch vergebens, am nächsten Morgen war alles noch genau so nass. Jedoch schien die Sonne und gegen Mittag war mal wieder Trocknungsstopp angesagt.
  
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Aber wie ich schon in Costa Rica gelernt habe – Regenwald wächst nunmal nur dort, wo es auch Regnet. Und fairerweise muss ich auch sagen, dass sich Regen und Sonne in den letzten Tagen das Wetter geteilt haben.
Alles in allem waren es tolle 600km auf der Carretera. Und ich bin mal wieder fasziniert, wie unterschiedlich und abwechslungsreich die Landschaft noch immer sein kann. Ich bin nun über 22.000km in den unterschiedlichsten Vegetationszonen gefahren und erlebe immer noch Neues und Interessantes.
 
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 Home sweet Home                                                       Die Carretera Austral ist die Ruta 7
  
Die größte Stadt an der Carretera ist Coyhaique. Hier bin ich in einem netten Hostal abgestiegen, die Wäsche war in der Wäscherei, habe heute morgen mein Rad zum vierten mal in einer Woche geputzt und es noch in einen Radladen geschoben: neue Bremsbacken mussten her, der Vorderreifen musste nachzentriert werden und eine Schraube habe ich mal wieder etwas überdreht...
Die nächsten 600 km der Carretera nehme ich dann ab morgen unter die Räder und mal schauen, ob es bis zum Ende geht. Denn aufgrund der Jahreszeit ist vieles geschlossen und Fähren fahren nur eingeschränkt. Und ein Grenzübertritt von Villa O’Higgins nach El Chalten ist auch nicht möglich, da die Grenzestation erst am 1. November öffnet. Den zweiten Teil werde ich übrigens zusammen mit Ian fahren, der irische Radler, mit dem ich schon von El Salvador nach Nicaragua gefahren bin. Wir wollten schon ab Puerto Montt zusammen fahren, aber hier musste ich noch einen Tag länger bleiben als geplant, da meine Felge am Vorderrad total verschlissen war und eine neue her musste. Langsam aber sicher merkt man, dass das Material über ein Jahr in gebrauch ist.
  
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PS: Wie ich in den Nachrichten gelesen habe, ist in Nicaragua der Vulkan San Cristobal ausgebrochen. Um diesen Vulkan bin ich vor einigen Monaten zusammen mit Ian gefahren, während er kleine, weiße Wolken in den Himmel gespuckt hat.
 

Montag, 10. September 2012

1 Kilometer zum 22.222


Da ich die 22.000km verpasst habe, gibt es halt jetzt die Schnapszahl auf dem Tacho.
09.09.2012, 08:45 Uhr, Carretera Austral, Chile
  

Freitag, 31. August 2012

Erdbeerhausen in Patagonien

Von Conception zurück zur Ruta 5 bis nach Puerto Montt.
  
Meinen Weg aus Conception führte über die lange Brücke, die den Rio "Bio Bio" überspannt. Dann eine Linkskurve und es ging angenehme 50km neben dem Fluss lang. Der Fluss lag bis 11:00 Uhr total im Nebel während die andere Landschaft zur Abwechslung mal von der Sonne angelacht wurde. Es ist zwar kalt, aber wenigstens kein Regen. Und die ersten Anzeichen von Frühling sind der Natur auch schon anzusehen. Überall gelb blühende Bäume, die einen schönen Kontrast zur ansonsten öden Landschaft bilden. Bevor ich aber die Ruta 5 erreichte, gab es noch einmal 30km Schotterpiste in einem welligem auf und ab.
 
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Zurück auf der Autobahn läuft es dann wieder richtig gut. Mehr als 100km zeigt mein Tacho am Ende der Radtage. Ein paar Tage scheint sogar die Sonne, auch wenn es morgens meistens erst grau in grau und kalt ist. Abwechslung gibt es nicht viel, die Landschaft ist langweilig. Alle 50km kommt eine Autobahntankstelle – für mich immer ein willkommener Stop. Ein heißer Tee, ein paar Kekse oder Schokolade und ordentliche Sanitäranlagen und stellenweise sogar WIFI. So kann man es aushalten. Und Trinkwasser gibt es umsonst aus dem Hahn. Ortschaften liegen auch genug an der Strasse, wo man sich mit allem nötigen versorgen kann. Gegen Mittag halte ich nicht nur für die obligatorische Mittagspause an, sondern auch, um mein Zelt aufzubauen, den Schlafsack rauszukramen und alles zu trocknen. Denn Nachts liegt viel Feuchtigkeit in der Luft und morgens ist alles immer total nass – auch ohne Regen. Und Abends in ein nasses Zelt oder einen feuchten Schlafsack muss nicht wirklich sein. Schlimm genug, dass die Klamotten nicht mal mehr richtig trocknen.
  
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So bin ich in sechs Tagen mehr als 600km in den Süden Chiles geradelt. Am sechsten Tag war ich dann in Frutillar – oder auf deutsch “Erdbeerhausen”. Der Ort hat zwei Ortsteile. Frutillar Alto ist der neue Teil und ein typischer, chilenischer Ort. Frutillar Bajo hingegen ist wie eine deutsche Schrebergartenkolonie. Schöne, gepflegte Holzhäuser. Ordentliche Gärten und sehr sauber. Der Ortsteil  liegt direkt am See Llanquihue. Und wenn man hier her fährt, staunt man nicht schlecht. Läden, Restaurants oder Pensionen tragen Namen wie: Frau Holle, Pension Winkler, Hotel Salzburg, Guten Appetit oder Am kleinen Bach. Ist auch kein Wunder, denn in diesem Ort wird das Erbe der deutschen Siedler hochgehalten. Die ersten deutschen Auswanderer, die um 1860 in diese Gegend gekommen sind, haben das Land urbar gemacht, Siedlungen errichtet und Schulen gebaut. Gut erhaltene Überbleibsel der Siedler kann man im “Museo Colonial Aleman” bestaunen, wo es sogar einen Dreschkasten aus Deutschland gibt.
   
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Ich bin in der Pension Winkler für eine Nacht abgestiegen, da ich den Ort noch etwas erkunden wollte. So war ich unter anderem im “Club Aleman” – dem deutschen Club des Ortes. Das Clubhaus ist auch ein Restaurant und so habe ich unter dem Flair von Hirschgeweihen die deutsche Speisekarte studiert und mir ist das Wasser im Mund zusammen gelaufen. So viele leckere Sachen, die ich schon eine Ewigkeit nicht mehr gegessen hatte. Da fällt die Auswahl schwer. Letztendlich ist es dann Schweinebraten mit Sauerkraut und Stampfkartoffeln geworden. LECKER!
Ferner habe ich noch das Gebäude der Feuerwehr besucht. Hier fand ich zwei Autos, auf denen auch "Feuerwehr” stand und nicht “Bomberos”. An der Fassade hing ein Bundesadler und darunter ein Schild mit der Inschrift: “Erste Deutsche Feuerwehr Kompanie”. Da kommen schon mal wieder heimatliche Gefühle auf.
  
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Aber auch sonst hat der Ort noch einiges zu bieten. Ein großes Theater wurde am und in den See hinein gebaut, die Uferpromenade hat schöne, kleine Strände und der Blick auf den Vulkan “Osorno” ist zum Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang atemberaubend schön. Der Ort ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Und in meiner kleinen Cabana in der Pension Winkler hatte ich sogar einen Holzofen und konnte seit Monaten mal wieder in einem geheizten Raum schlafen und meine Sachen trocknen. Was für ein Luxus.
  
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Panorama Frutillar 3
   
Bei grauem Wetter ging es dann weiter zum Ende der 1.030km langen Ruta 5 – nach Puerto Montt. Die Hafenstadt mit über 200.000 Einwohnern ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Viel zu bieten hat die rauhe Stadt jedoch nicht. Ich habe nach einer heißen Dusche den Fischmarkt besucht und bin in einen Supermarkt zum einkaufen gegangen. Der Wind pfiff mir eisig kalt durch die Sachen und seit Nachmittag regnet es auch wieder. Also habe ich mich einfach in’s Bett gelegt, den kleinen Gasofen neben meinem Bett angemacht und kann mir in aller Ruhe überlegen wie es weitergeht.
  
Ich bin nun in Patagonien angekommen und vor mir liegt die “Carretera Austral” – eine der schönsten Strassen Amerikas. 1.300 km führt diese Strasse weiter runter in den Süden – von Puerto Montt nach Villa O’Higgins. Schotterpiste, Wellblech, Regen und Wind erwarten mich in einer atemberaubend schönen Landschaft. Da ja auf der Suedhalbkugel Winter ist, sind viele Dienste entlang der Carretera Austral eingeschränkt. Mal schauen, was ich morgen so alles in Erfahrung bringen kann und wie ich mir den Weg runter zusammen puzzle. Auf jeden Fall wird es witterungsbedingt kein Zuckerschlecken werden.
  
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Außerdem ist ein Schweisspunkt an meinem Sattelschlitten wieder gerissen. Muss also morgen noch mal einen Schweißer finden oder einen neuen Sattel kaufen. Und neue Lithium-Batterien für meinen Spot sind auch erforderlich, da das Ding nicht mehr sendet.
 
Zu guter letzt muss ich dann noch eingestehen, dass meine Kraft und meine Motivation merklich nachgelassen haben. Nach fast 22.000km, allen möglichen klimatischen Gegebenheiten sowie Höhen von 0 bis 5.000 Metern fällt es mir morgens immer schwerer aufzustehen und auf das Rad zu steigen. Vorallem die nasse Kälte und die Tristes eines gefühlten deutschen Novembers sitzt in allen Knochen und lässt die Motivation auf Null sinken. Aber die letzten Wochen halte ich auch noch durch, denn solange ist es ja nicht mehr.
Also, Augen zu und durch…. wobei, dann sehe ich von der Carretera Austral ja nichts mehr...Smile.